Die Zahntechnik im Jahr 2026 ist nicht mehr die gleiche wie vor fünf Jahren. Der 3D-Druck hat sich vom Nischenwerkzeug zur Standardtechnologie entwickelt. SHERA, Rapid Shape, exocad – diese Namen sind in jedem modernen Dentallabor zu Hause. Mit der Technologie kam aber auch eine unbequeme Wahrheit: Ineffizienz und Materialverschwendung, die sich in den Margen der Labore verstecken.

Dieser Artikel schaut auf die Trends im 3D-Druck für die Zahntechnik und beantwortet eine Frage: Wie sieht wirtschaftlich vernünftiger, materialsparender 3D-Druck in der Dentalproduktion wirklich aus?

Vorbemerkung zu den Zahlen

Alle Zahlen in diesem Artikel sind pro Modell und pro Labor gerechnet und lassen sich nachvollziehen. Zu branchenweiten Hochrechnungen – wie viele Dentallabore in Deutschland mit welchem Verbrauch drucken – gibt es keine belastbare öffentliche Statistik. Wir verzichten deshalb bewusst darauf. Was zählt, ist ohnehin die Rechnung, die Sie für Ihr eigenes Labor aufmachen können.

Der Status quo: 3D-Druck 2026 ist gut, aber materialhungrig

Der 3D-Druck in der Zahntechnik hat einen reifen Stand erreicht. Die Drucker sind präzise, die Harzformulierungen sind stabil, die Workflows sind etabliert. Zahntechniker verlassen sich auf diese Technologie.

Reife bedeutet aber nicht Perfektion. Das größte ungelöste Problem heißt Materialverschwendung – und es steckt an einer Stelle, an der kaum jemand hinschaut: in der gedruckten Sockelplatte.

Die Rechnung ist simpel. Eine große gedruckte Sockelplatte wiegt 15 Gramm (gemessen mit KeyPrint KeyModel Ultra; mit SHERAprint-Harz sind es 17 Gramm). Der Zahnkranz selbst wiegt je nach Größe, Zuschnitt und Höhe 13 bis 25 Gramm. Damit fließen pro Modell zwischen 38 und 54 Prozent des Harzes in ein Bauteil, dessen Aufgabe auch ein Gipssockel übernehmen kann – und das am Ende im Abfall landet.

Modellharz kostet rund 150 Euro pro Kilogramm; am Markt liegen Dentalharze aktuell eher bei 177 Euro pro Kilogramm netto. Ein Labor, das monatlich 100 Zahnkränze druckt, verschwendet also 1,5 Kilogramm Harz – rund 225 Euro im Monat, 2.700 Euro im Jahr. Nur für Platten.

Das ist der Trend, den kaum jemand auf dem Schirm hat. Und genau das beginnt sich 2026 zu ändern.

Trend 1: Materialeffizienz wird zur Kennzahl

Die ersten Wellen des 3D-Drucks in der Zahntechnik drehten sich um Genauigkeit und Geschwindigkeit. Das war richtig und wichtig. 2026 verschiebt sich der Fokus: Kosten pro Modell werden zum Leistungskriterium neben der Präzision.

Diese Verschiebung ist nicht ideologisch, sondern betriebswirtschaftlich. Die Margen in Dentallaboren stehen unter Druck. Wer pro Modell rund 1,15 bis 1,38 Euro Materialkosten spart (Harz abzüglich Sockelgips und Pins, Rechnung unten), hat bei 100 Modellen im Monat einen spürbaren Vorteil, ohne einen einzigen Auftrag zusätzlich anzunehmen.

Die erste konkrete Ausprägung dieses Trends sind minimalistische Stabilisierungssysteme. Statt eine massive Sockelplatte zu drucken, halten wenige kleine Pins den Zahnkranz beim Sockeln in Position. Ein Beispiel ist der TL² PivotPin, entwickelt von Zahntechniker Tobias Löw mit 35 Jahren Berufserfahrung: drei bis vier Pins pro Kiefer, eingerastet in die Wabenstruktur des Zahnkranzes, ohne Bohren, Kleben oder Isolieren. Der Zahnkranz bleibt dauerhaft im Gipssockel verankert.

Das ist keine Revolution. Es ist eine kleine, praktische Innovation, die ein echtes wirtschaftliches Problem löst – und genau das ist der Trend.

Trend 2: Hohle und strukturierte Modellböden setzen sich durch

Dass sich mit der Modellbasis Material sparen lässt, ist inzwischen auch wissenschaftlich untersucht. Revilla-León und Kollegen verglichen 2021 drei Basisvarianten – massiv, hohl und mit Wabenstruktur – und stellten fest, dass die hohle Ausführung in Dentallaboren verbreitet ist, weil sie sowohl Materialverbrauch als auch Druckdauer senkt. Gemessen an der Genauigkeit schnitt die hohle Basis mit 34 Mikrometern Abweichung sogar am besten ab, vor der massiven mit 53 und der Wabenstruktur mit 58 Mikrometern.

Unterseite zweier Modelle: links eine gedruckte Sockelplatte mit Wabenstruktur, rechts ein Gipssockel
Zwei Modellböden von unten: links die gedruckte Sockelplatte mit Wabenstruktur, rechts der Gipssockel.

Die praktische Konsequenz kennt jedes Labor, das hohl druckt: Die hohlen Kiefer müssen vor dem Sockeln mit Gips ausgegossen werden, damit ein funktionsfähiges Modell entsteht. Und genau da entsteht das nächste Problem – die Abbindeexpansion, die bei Superhartgips Typ IV nach DIN EN ISO 6873 noch bis zu 0,15 Prozent beträgt und zu messbaren Maßabweichungen führt.

Der Trend 2026 geht deshalb dahin, die Stabilisierung schon im Design zu lösen statt nachträglich mit Gips zu kompensieren.

Trend 3: Software und Hardware wachsen zusammen

exocad ist längst etabliert. 2026 zeigt sich eine neue Entwicklung: Die Materialeffizienz wandert in den Designprozess.

Bei SHERA ist das schon Realität. In SHERAeasy-model ist die Wabenstruktur in den Standardeinstellungen hinterlegt – wer damit arbeitet, braucht nichts zu konfigurieren.

Bei exocad gibt es die Honeycomb-Option seit DentalCAD 3.2 Elefsina. Hier ist allerdings noch Handarbeit nötig: Das Hexagon-Gitter muss auf 120 Prozent skaliert werden, und zwar vor jedem neuen Auftrag erneut, weil exocad den Wert zurücksetzt. Zwei bis drei Minuten pro Auftrag. Das ist verschmerzbar, aber es ist eben keine einmalige Einstellung – und genau solche Reibungspunkte sind es, die in den kommenden Releases verschwinden dürften. Eine konkrete Schritt-für-Schritt-Anleitung dafür finden Sie im Artikel PivotPin im Workflow integrieren.

Der Trend lautet: Was heute noch eine Checkliste neben dem Monitor ist, wird morgen ein Häkchen im Workflow sein.

Trend 4: Ehrliche Kostenrechnung statt Bauchgefühl

Noch vor wenigen Jahren kalkulierten viele Labore hinterher: „Wir haben diese Woche fünfzig Modelle gedruckt, der Harzverbrauch war ungefähr so hoch." 2026 rechnen progressive Labore pro Modell – und zwar vorher.

Ein Rechenbeispiel, das jeder nachvollziehen kann. Ein Kilogramm Harz ergibt bei einem durchschnittlichen Zahnkranz von 19 Gramm entweder 29 Modelle mit Sockelplatte oder 53 Modelle ohne. Das sind 24 zusätzliche Zahnkränze pro Kilogramm, rund 80 Prozent mehr. Umgerechnet auf den Materialpreis: zwischen 56 und 80 Euro Ersparnis je Kilogramm Harz.

Zur ehrlichen Rechnung gehört der Gegenposten dazu, und der heißt Gips. Ein gedrucktes Modell mit Sockelplatte kommt ohne Gips aus; fällt die Platte weg, wird der Zahnkranz in Gips eingebettet. Nötig sind dafür rund 100 Gramm Sockelgips je Modell, und 18 Kilogramm kosten etwa 55 Euro netto – macht 0,31 Euro pro Modell. Dazu kommen die Pins selbst: Drei bis vier bleiben je Kiefer im Sockel, bei 18,89 bis 19,89 Euro netto je 100er-Packung sind das 0,57 bis 0,80 Euro pro Modell. Von den 2,25 Euro Harz-Ersparnis bleiben unter dem Strich 1,15 bis 1,38 Euro je Modell. Genau das ist der Kern des Tauschs: teurer Kunststoff raus, günstiger mineralischer Werkstoff rein, und das Modell bekommt sein Gewicht zurück.

Dazu kommt ein Posten, den viele übersehen: die Materialwanne. Eine neue Wanne kostet je nach Druckermodell zwischen 290 und 500 Euro – bei SHERA lässt sich die gelartige Folie nicht einzeln tauschen, fällig ist immer die komplette Wanne. Weil mit der Sockelplatte die große Querschnittsfläche und damit die Abzugskräfte beim Ablösen wegfallen, hält die Wanne länger.

Ein Hinweis zur Druckzeit, weil er oft falsch dargestellt wird: Bei DLP- und LCD-Druckern belichtet das Display jede Schicht komplett. Die Druckdauer hängt an der Bauhöhe, nicht am Volumen. Weniger Harz bedeutet also nicht automatisch schnelleren Druck – kürzer wird es dort, wo die Sockelplatte bisher Bauhöhe gekostet hat. Der verlässliche Zeitgewinn liegt im Post-Processing, wo Bohren, Kleben und Isolieren entfallen.

Trend 5: Effizienz ist die erste Nachhaltigkeitsstrategie

Bei nachhaltigen Materialformulierungen bewegt sich etwas – bio-basierte und recyclingfähige Harze sind in der Entwicklung, aber in der Dentalproduktion noch nicht breit verfügbar. Wer heute etwas verändern will, verändert den Verbrauch, nicht das Material.

Das ist die nüchterne Wahrheit hinter dem Thema: 38 bis 54 Prozent weniger Druckharz pro Modell wirken sofort, ohne dass ein neues Material auf den Markt kommen muss.

Und hier ein Hinweis, der 2026 wichtig wird: Ab dem 27. September 2026 gilt die EmpCo-Richtlinie (EU) 2024/825. Pauschale Umweltaussagen wie „umweltfreundlich", „grün" oder „klimaneutral" sind ohne stichhaltigen Nachweis unzulässig und abmahnfähig. Konkrete, belegbare Aussagen bleiben ausdrücklich erlaubt. Für Labore heißt das: Werben Sie nicht damit, „nachhaltig" zu produzieren, sondern damit, den Materialeinsatz pro Modell um einen messbaren Prozentsatz gesenkt zu haben. Mehr dazu im Artikel Nachhaltigkeit in der Dentalproduktion. Das ist rechtssicher – und überzeugender.

Kostenbeweis

115 bis 138 Euro im Monat, rund 1.380 bis 1.650 Euro im Jahr bei 100 Zahnkränzen – Harz-Ersparnis abzüglich Sockelgips und Pins.

Was das für Ihr Labor konkret bedeutet

Schritt 1 – Audit, eine Woche. Wiegen Sie. Wie schwer ist Ihr Zahnkranz, wie schwer Ihre Sockelplatte? Wie viele Modelle drucken Sie im Monat? Ohne Messung optimieren Sie blind.

Schritt 2 – Testen, zwei bis drei Wochen. Eine kleine Packung genügt für eine Testserie von zehn bis zwanzig Modellen. Erfassen Sie Harzverbrauch, Druckqualität und Post-Processing-Zeit.

Schritt 3 – Skalieren. Workflow anpassen, Team schulen, bei exocad die Hexagon-Skalierung in die Qualitätskontrolle aufnehmen.

Eine 100er-Packung TL² PivotPin kostet ab 18,89 Euro netto und reicht für 25 bis 33 Modelle. Der Pinpreis ist in der Rechnung oben bereits abgezogen – übrig bleiben bei 100 Modellen im Monat rund 115 bis 138 Euro.

Fazit: 2026 ist das Jahr der ehrlichen Rechnung

Die Frage im dentalen 3D-Druck lautet 2026 nicht mehr „Können wir das drucken?", sondern „Was kostet uns das pro Modell – an Material, an Zeit, an Nacharbeit?"

Die Trends sind klar: Materialeffizienz wird zur Kennzahl, strukturierte Modellböden setzen sich durch, Software und Hardware wachsen zusammen, kalkuliert wird vorher statt hinterher, und weniger Verbrauch wirkt sofort, ohne auf neue Materialien zu warten.

Der wichtigste Trend aber sind Zahntechniker, die ihre eigenen Prozesse hinterfragen. Nicht durch große Revolutionen, sondern durch viele kleine, praktische Verbesserungen.

Quellen: SHERA (Materialwannen, SHERAeasy-model) · dentona (optiprint model, Harzpreis) · Mälzer Dental (Resinwanne Rapid Shape) · Formlabs (Harzdichte, Belichtungsprinzip DLP/LCD) · exocad (DentalCAD 3.2 Elefsina) · Revilla-León et al. 2021 (Influence of the base design on the accuracy of additive manufactured casts) · DIN EN ISO 6873 (Abbindeexpansion Dentalgips) · Richtlinie (EU) 2024/825 (EmpCo). Verbrauchs- und Gewichtsangaben aus der Laborpraxis Tobias Löw.

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