Gigabytes im Rechner, Chaos auf der Arbeitsfläche
Die Zahntechnik erlebt gerade ihren Wilden Westen. Scanner, Designsoftware und 3D-Drucker haben in wenigen Jahren fast jedes Labor erreicht, und täglich wandern Gigabytes an Datensätzen durch unsere Rechner.
Im Digitalen ist vieles präziser und schneller geworden. Doch sobald die Arbeit wieder physisch wird, also gedruckt, gesockelt, artikuliert und kontrolliert, gibt es kaum noch gemeinsame Regeln. Jedes Labor macht es anders. Und genau dort entscheidet sich, ob eine Krone am Ende passt.
Was in den Laboren wirklich passiert
Wer sich in der Branche umhört, stößt auf viele verschiedene Wege, und sicher kennen wir nicht alle. Drei davon begegnen uns immer wieder:
- Gar keine Modelle mehr. Die Krone wird nur noch am Bildschirm konstruiert, gefräst und ausgeliefert. Kein physischer Abgleich mit Stumpf, Nachbarzähnen oder Antagonisten. Uns begegnet das vor allem dort, wo Kronen chairside in einem Schritt entstehen. Aus unserer Sicht ist das ein riskantes Spiel mit der Passung.
- Consumer-Resin statt Modellharz. Um Kosten zu sparen, kommen Harze aus dem Hobby- und Maker-Bereich zum Einsatz. Ihre Datenblätter beziehen sich in der Regel auf allgemeine Anwendungen, nicht auf Dentalmodelle, und Druckprofile für Dentaldrucker muss man meist selbst ermitteln. Ob ein solches Modell für Kronen und Brücken maßhaltig genug ist, ist nach unserem Kenntnisstand nicht veröffentlicht belegt (mehr dazu im Artikel „Günstiges Resin für Dentalmodelle“).
- Sekundenkleber statt Sockel. Gedruckte Zahnkränze werden mit Sekundenkleber auf Kunststoffplatten geklebt. Das hält vielleicht, ist aus unserer Sicht aber kaum reproduzierbar.
Alle drei Wege haben eines gemeinsam: Sie sparen kurzfristig Zeit oder Geld. Die Rechnung kann später kommen, bei der Einprobe im Mund.
Zurück in die 80er, nur aus Kunststoff
Ein Blick zurück zeigt, wie paradox die Lage ist. Das einfache Öffnen und Schließen hat eine lange Geschichte: Schon 1805 beschrieb Jean-Baptiste Gariot einen Gips-Okkludator, ab den 1830er-Jahren folgten Scharnier-Okkludatoren, mehr nicht. Mittelwertartikulatoren, die auch Seit- und Vorschubbewegungen nachahmen, gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts, etwa den Gysi Simplex von 1912, nach Vorläufern wie Bonwills Artikulator (ab 1858). Trotzdem arbeiteten nach unserer Erfahrung noch in den 80ern viele Labore mit dem einfachen Klipp-Klapp.
Nach unserer Beobachtung setzte sich der Mittelwertartikulator in vielen Laboren erst in den 90ern als Standard durch. Mit gemittelten Werten für Kondylenbahn und Bennettwinkel ließen sich Kaubewegungen deutlich realistischer simulieren. Das war ein echter Qualitätssprung, den eine ganze Generation von Zahntechnikern verinnerlicht hat.
Und heute? Gedruckte Kunststoffmodelle mit angedrucktem Gelenk. Funktional ist das in vielen Fällen nichts anderes als das Klipp-Klapp, also das Scharnierprinzip aus dem frühen 19. Jahrhundert. Wir sind technologisch so weit wie nie, und mechanisch wieder am Anfang.
Was Jahrzehnte analoger Arbeit uns gelehrt haben
Impregum kam 1965 als erstes Polyether-Abformmaterial auf den Markt und wurde danach Schritt für Schritt verfeinert: 1987 Impregum F, 1994 die maschinelle Anmischung als Impregum Penta, 2000 die Soft-Varianten. Parallel dazu wurden Modellgipse und ihre Verarbeitung immer weiter abgestimmt. Das Ergebnis war ein eingespieltes System, in dem die Dimensionen stimmten und die Arbeiten im Mund funktionierten.
Der Anspruch war entsprechend hoch. Es gab Zahnärzte, die sich ernsthaft beschwerten, wenn sie mit der Sonde am Kronenrand hängen blieben. Ein spürbarer Rand galt als Mangel, nicht als Toleranz.
Und heute? Uns begegnen Kronen, die ohne Modell ausgeliefert werden, und vereinzelt sogar Ränder, die so wirken, als kämen sie unbearbeitet aus der Fräse. Ist das das neue Verständnis von Qualität?
Virtuell perfekt, physisch ungeprüft
Zwar lassen sich heute die Unterkieferbewegungen in Designprogrammen wie exocad simulieren, inklusive virtuellem Artikulator. Das ist ein großer Fortschritt. Aber eine Simulation ist nur so gut wie die Daten und das Material, mit dem sie am Ende umgesetzt wird.
Die entscheidende Frage lautet: Wo findet die Kontrolle statt? Wenn das gedruckte Modell nicht dimensionstreu ist, weil das Resin es nicht leisten kann, verliert der physische Abgleich seinen Wert. Und wenn gar kein Modell mehr existiert, gibt es diesen Abgleich überhaupt nicht.
Dazu kommt ein leiseres Problem: Wissen geht verloren. Wer der Software mehr vertraut als dem, was er einmal gelernt hat, verlernt irgendwann, Fehler zu sehen. Das Auge für den Kontaktpunkt, das Gefühl für einen sauberen Rand, das Verständnis für Okklusion sind keine nostalgischen Tugenden. Sie sind die letzte Kontrollinstanz, bevor eine Arbeit den Patienten erreicht.
Der Weg in der Mitte: gutes Resin, Gipssockel, PivotPin
Zwischen „gar kein Modell“ und „Consumer-Resin mit Sekundenkleber“ gibt es einen soliden Mittelweg. Er beginnt beim Material: ein Modellharz für den Dentalbereich, mit veröffentlichten Kennwerten und geprüften Druckparametern, zu einem Preis, der im Laboralltag tragbar bleibt.
Ein Beispiel, das sich in unserem Labor bewährt hat, ist KeyPrint KeyModel Ultra. Hergestellt wird es von Keystone Industries, laut Hersteller gemeinsam mit Loctite (Henkel) entwickelt, in Deutschland vertreibt es Weithas. Die Eckdaten laut Händler:
| Merkmal | KeyModel Ultra |
|---|---|
| Indikation | Dental- und Meistermodelle |
| Biegefestigkeit | > 70 MPa (ASTM D790) |
| Elastizitätsmodul | > 1940 MPa (ASTM D790) |
| Parametrierte Drucker (Auswahl) | Rapid Shape D30, D70, D90, D100, Asiga, Ackuretta, Phrozen, Anycubic |
| Wellenlänge | 385 bis 405 nm |
Pinova Lab steht in keiner Geschäftsbeziehung zu Keystone, Henkel oder Weithas und erhält für diese Nennung keine Vergütung.
Dazu kommt: Die gedruckten Modelle lassen sich laut Händler ohne Splittern nachbearbeiten. Das ist kein Billigharz, aber auch kein Luxusprodukt, und vor allem eines mit Werten, auf die man sich berufen kann.
Der zweite Baustein ist der Sockel. Statt den gedruckten Zahnkranz auf eine Kunststoffplatte zu kleben, verbinden wir ihn wieder mit einem Gipssockel. So kommen die Stärken beider Welten zusammen: die digitale Präzision des Drucks und die bewährte Stabilität des Gipses. Der Zahnkranz bleibt dauerhaft im Gipssockel. Gleichzeitig entfällt die gedruckte Sockelplatte, das sind je nach Zahnkranz 38 bis 54 Prozent weniger Druckharz pro Modell.
Für genau diese Verbindung haben wir den TL² PivotPin entwickelt. Er verankert den gedruckten Zahnkranz im Sockelgips, ohne Bohren, Kleben oder Isolieren, für Modelle aus der SHERA-Software für SHERA- und Rapid-Shape-Drucker sowie für exocad-Modelle (ab DentalCAD 3.2 Elefsina). Damit schließt sich der Kreis: gutes Material, ein stabiler Sockel und eine Montage, die wieder Handwerk ist.
Wir brauchen einen Standard für die Modellherstellung
Was der Abdruck-und-Gips-Welt über Jahrzehnte gelungen ist, muss jetzt für den digitalen Workflow nachgeholt werden. Auch eine systematische Übersichtsarbeit zur Genauigkeit gedruckter Modelle kommt zu dem Schluss, dass es mehr Standardisierung braucht. Ein Standard für gedruckte Modelle könnte auf diesen Eckpunkten aufbauen:
- Material: Nur Modellharze für den Dentalbereich mit veröffentlichten Kennwerten, Sicherheitsdatenblatt und geprüften Druckparametern für den eingesetzten Drucker. Kein Harz ohne Werte.
- Validierter Prozess: Drucker, Harz, Reinigung und Nachbelichtung als geprüfte Kombination, regelmäßig mit Kalibrierkörpern kontrolliert.
- Zeit und Lagerung: Klare Angaben, wie lange ein gedrucktes Modell maßhaltig bleibt. Studien zeigen, dass sich die Genauigkeit gedruckter Modelle während der Lagerung noch messbar verändern kann.
- Sockel und Artikulation: Gedruckter Zahnkranz auf Gipssockel mit reproduzierbarer Verankerung statt Sekundenkleber, und eine Montage, die mindestens Mittelwert-Niveau erreicht statt Klipp-Klapp.
- Physische Kontrolle: Randschluss und Kontaktpunkte am Modell und unter dem Mikroskop prüfen, nicht nur am Bildschirm.
- Dokumentation: Material, Charge und Druckparameter pro Arbeit nachvollziehbar festhalten.
- Ausbildung: Analoges Grundwissen bleibt Pflicht, denn nur wer es beherrscht, kann die digitale Technik sinnvoll kontrollieren.
Wohin soll das führen?
Die Digitalisierung ist kein Feind des Handwerks. Sie ist das beste Werkzeug, das unsere Branche je hatte. Aber ein Werkzeug ersetzt keinen Qualitätsanspruch.
Wenn wir alles ignorieren, was Generationen von Zahntechnikern erarbeitet haben, tauschen wir Präzision gegen Geschwindigkeit. Die Patienten merken den Unterschied, spätestens wenn die Krone nicht passt.
An Labore, Hersteller und Verbände: Lassen Sie uns gemeinsam definieren, was ein gutes gedrucktes Modell ausmacht. Wie arbeiten Sie heute, und wo sehen Sie die größten Lücken? Schreiben Sie uns an info@pinovalab.eu, wir freuen uns auf den Austausch.
Quellen
- Weithas GmbH: KeyPrint KeyModel Ultra (Keystone Industries), Produktseite (Kennwerte, Drucker). Abgerufen am 06.10.2026. weithas.de
- ZWP online: 50 Jahre Impregum Polyether: „Dem macht keiner was vor“. 17.04.2015. zwp-online.info
- Lin LH et al.: A Proposed In Vitro Methodology for Assessing the Accuracy of Three-Dimensionally Printed Dental Models and the Impact of Storage on Dimensional Stability. Applied Sciences 2021;11(13):5994. doi.org/10.3390/app11135994
- Khaw S et al.: Factors influencing the dimensional accuracy of additively manufactured dental models: A systematic review of in vitro studies. Journal of the Mechanical Behavior of Biomedical Materials 2023;146:106057. doi.org/10.1016/j.jmbbm.2023.106057
- Romerowski J: Quelques curiosités dans l'histoire des articulateurs. Actes de la Société française d'histoire de l'art dentaire 2011. numerabilis.u-paris.fr
- UTHealth Houston School of Dentistry, Dental Articulator Archives: The GYSI „Simplex“ Articulator, produced in 1912. dentistry.uth.edu
Gipssockel statt Sekundenkleber
Fordern Sie eine kostenlose Musterpackung TL² PivotPin an und testen Sie die Verankerung im Gipssockel in Ihrem eigenen Labor.